Über das endgültige Erwachen.

 

Eines Tages aber erhebt sich das "Warum", und mit diesem Überdruss, in den sich Erstaunen mischt, fängt alles an. "Fängt an" – das ist wichtig. Der Überdruss steht am Ende der Handlungen eines mechanischen Lebens, gleichzeitig leitet er aber auch eine Bewusstseinsregung ein. Er weckt das Bewusstsein und fordert den nächsten Schritt heraus. Der nächste Schritt ist die unbewusste Rückkehr in die Kette -  oder das endgültige Erwachen.(Albert Camus, Mythe de sisyphos)



Camus hat diesen weitsichtigen und aktuellen Text über den Mythos des Sisyphos 1942. in einer ungleich schwereren Zeit geschrieben. Der Philosoph und große Autor äußert sich darin über das Wechselspiel zwischen Enttäuschung und Hoffnung, und über das Glücklich-Sein selbst in den absurdesten Momenten des Lebens.
Deshalb machen wir Theater!
Das endgültige Erwachen, das Camus beschreibt ist schließlich das Moment des Bewusstseins. Und darin sehen wir als ensemble-netzwerk unsere Aufgabe:
im Bewusst-Machen, Erinnern, Auffordern, Verhandeln.
Dabei haben wir bereits viel erreicht!  Und zu einem Erwachen in der Theaterlandschaft maßgeblich beigetragen – über eine zu geringe Partizipation der Künstler*innen an wichtigen Entscheidungen, über die Asymmetrie der Macht, die schlechte Kommunikation und die prekären Arbeitsbedingungen an den Bühnen.

Wir wussten dass der Kaiser nackt ist!
Wir haben uns in den Jahren zuvor nicht getraut, dass laut auszurufen.
Heute bleibt es nicht mehr bei einem lauten Ausruf, sondern wir formulieren Forderungen und setzen uns Ziele, die wir in den nächsten Jahren erreichen wollen.
Dabei wollen wir nichts mehr dem Zufall überlassen, nichts der Gnade. Wir selbst sollten uns in der Rolle der Mit-Gestaltenden sehen.

Denn: Das Ensemble gehört ins Zentrum des Theaters und deshalb auch ins Zentrum aller Entscheidungen, die dort nur mit ihm getroffen werden können.

Der erste erfolgreiche Schritt war, dass wir unsere Angst verloren haben, vor scheinbar unlösbaren Problemen, Schattenmenschen und „Dingen, die schon immer so waren, und bitte so bleiben sollten“. Heute wissen wir, dass das alles nur Folklore ist. Folklore ist etwas für Schlager-Shows und Gespenster-Bahnen, aber nicht für die Zukunft moderner Theater, daran sollten wir immer denken, wenn uns wieder jemand ins Gesicht sagt: „So ist es eben im Theater.“
Ganz klar: Nein! So ist es eben nicht. So darf es nicht sein.
Theater ist das, was WIR daraus machen. Theater ist DAS ENSEMBLE. Theater sind die abendlichen Vorstellungen, sind die Proben, aber nicht die Sprüche und eigenartigen Regeln, nicht das Machtgebahren, mit dem über 80% aller Theater-Künstler*innen mehrfach in ihrem Berufsleben in Berührung kommen.

Anders, als in 70er Jahren, als man in Frankfurt, Berlin, Bochum, Bremen und anderen Orten in den Theatern mehrheitlich noch von „oben“ nach neuen Lösungen der Mitbestimmung suchte, was letztlich nicht gelingen konnte, ist das ensemble-netzwerk eine Bewegung von „unten“, die getragen wird von den Darsteller*innen und den Mitarbeiter*innen. Und die anders als damals, heute flächendeckend arbeitet.

Selbstbestimmtes Arbeiten im Theater als Zukunftsmodell

Dabei sollten wir bereits an übermorgen denken. Wie kann das Theater der Zukunft aussehen, in dem wir Theater machen wollen? Ohne Hierarchien, in Teams, mit einer freien und offenen Kommunikation und besten Arbeitsbedingungen.
Ein Beispiel: In den Hochschulen und Universitäten wählen die Kolleg*innen und Student*innen ihren Präsidenten selbst, ohne dass sich eine Behörde einmischen würde. Es wird ein Team gebildet, dass als Auswahlkommission arbeitet, die Ausschreibungen steuert, die am besten passenden Kandidaten einlädt und in der großen Runde wählen lässt. Dabei gibt es ein Gremium, dass man an den Unis Senat nennt, und dass sich aus den oben genannten, in das Gremium gewählten Kolleg*innen paritätisch und demokratisch zusammensetzt. Dieser Senat ist das eigentliche Steuerungs-Organ der Unis. Das Präsidium erledigt das Tagesgeschäft, es muss aber jeden Schritt mit dem Senat abstimmen, der wiederum die strategische Ausrichtung festlegt und das Präsidium kontrolliert.

Was wäre verkehrt daran, ein solches selbstbestimmtes Modell auch auf Theater zu übertragen? Ein Mitarbeiter-Gremium steuert die Auswahl des neuen Leitungsteams und kontrolliert dessen Arbeit - was anders gelagert ist als die Arbeit eines Betriebs- oder Personalrates, der sich auf personelle und rechtliche Belange konzentriert.
Dafür müssen Voraussetzungen geschaffen werden. Zuallererst: Weiterbildungen für die Mitarbeiter*innen und für die Leitungsteams. Das würde das Theater als eine Lernende Organisation auszeichnen.
Wenn wir uns ehrlich fragen, wer von uns hat in den letzten Jahren eine Weiterbildung gemacht, die uns eigentlich alle zwei Jahre sogar gesetzlich zusteht - sei es eine Sprech- oder Sprachausbildung, Bewegungstraining oder Kommunikationstechniken, Verhandlungsführung oder Rechtsfragen?
Die wenigsten von uns.
Die Gewerkschaften fordern hier viel zu wenig ein. Weiterbildungen müssen flächendeckend erfolgen, das sollte eine wichtige Forderung sein, die wir gemeinsam an den Bühnenverein, an die Träger und die Gewerkschaften adressieren. Für diese Weiterbildungen müssen ausreichend Mittel bereitgestellt werden, weil sich eine Organisation, wie das Theater, nur weiterentwickeln kann, indem ihre Mitarbeiter lernen, lernen, lernen. Wissen ist Macht. In dieser knappen Feststellung liegt ein Kern unserer nächsten Schritte.

Dabei ist mir klar, dass es Unterschiede zwischen den beiden Institutionen Theater und Uni gibt. Aber für meine Begriffe sind sich beide viel ähnlicher als Theater und die Behörden, an denen sich unsere Theater seit 100 Jahren ausrichten (müssen). Unsere Theater sind heute wie diese Bürokratien aufgebaut, weil man es in den vergangenen Jahren versäumt hat, sie neu auszurichten an den sich ständig verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die mit einer Behörde einfach nicht mehr zu lösen sind. Stattdessen arbeiten wir in den Strukturen von 1900, damit sie über die Ministerien und Kommunen leichter zu kontrollieren sind. Es ist nun an der Zeit, dass wir uns auch darum bemühen, dass die Theater eine strukturelle Autonomie und Souveränität zurück erhalten, wieder ins Gleichgewicht kommen und mehr Selbstbewusstsein in der Kommunikation mit der Politik erhalten.

Das heißt, dass die Theater sich zukünftig selbst verwalten und ihre Strukturen und die Form der Kommunikation auch autonom gestalten sollten.

Teams und Diversität
Die moderne Organisationstheorie arbeitet längst mit Teams auf allen Ebenen der Unternehmen. Hierarchien werden flach gehalten, damit dezentral schnelle Lösungen herbeigeführt werden müssen. Aber eine zentrale Spitze, deren eigene künstlerische Interessen oft nicht in Einklang zu bringen sind mit den Interessen der Organisation und des Ensembles ist schlicht wenig wirksam und kontraproduktiv. Man kann von einem Intendanten allein nicht erwarten, dass er in der Lage ist, seine eigenen Interessen denen des Theaters unterzuordnen. Genau deshalb braucht es Teams auf allen Ebenen, die gemeinsam beraten und auf Mehrheitsbasis entscheiden. Die besten Ideen müssen sich durchsetzen, nicht die Ideen eines Einzigen. Das hat auch nichts mit Einschränkung künstlerischer Freiheiten zu tun. Diese werden ja in den Inszenierungen gelebt, und können durch eine Team-Leitung im Theater noch viel besser entwickelt werden als durch das Wort eines einzelnen Herrn. Aus diesem Grunde wollen wir auch mehr Frauen in den Leitungen, und dass die Frauen in den Ensembles systematisch gestärkt werden.

Aktionsplan Zukunft
Wir haben in den letzten Jahren analysiert und die Fehler-Quellen klar aufgedeckt und adressiert. Diese Ensemble-Versammlung soll nun dazu dienen, einen Aktionsplan zu erstellen. Wohin könnte also die Reise gehen?
Wir haben eine große und schöne Vielfalt an Theatern, die es zu erhalten gilt. Wir wollen grandiose Kunst machen, die Ensembles künstlerisch weiter entwickeln und die Zuschauer bilden, unterhalten, ihnen begegnen und mit ihnen kommunizieren.
Das sind die Prämissen.
Wir sollten also in dieser 3. Bundesweiten Ensemble-Versammlung unsere Ziele schärfen, und uns Modelle und Wege überlegen, wie wir so dorthin kommen, dass die Ensembles wirklich in die Mitte des Theaters gerückt werden: ins Zentrum, in dem Entscheidungen getroffen und mit den Leitungen über aktuelle und Zukunfts-Probleme gesprochen wird. Wir sollten Angebote unterbreiten, an die Theaterleitungen, in welcher Form eine Zusammenarbeit gelingen kann. Und, wir sollten die Potentiale dieser Kooperation herausstellen, die Kraft, die ein Theater damit entfaltet, wenn nicht nur eine kleine Leitungsspitze, sondern ein ganzes Theater über die Zukunft verhandelt.

Es bewegt sich so viel, seit dem das ensemble-netzwerk mit seinem alle Theater umspannenden Netz seine Arbeit aufgenommen hat. Jede Darsteller*in, jede Mitarbeiter*in eines Theaters oder einer freien Gruppe hat mit uns eine Ansprechpartner*in, hat dadurch auch eine Sicherheit, in einer großen, wachsenden Gruppe mitzuwirken! Dass wir inzwischen kein kleiner Player mehr sind, zeigen die Ergebnisse unserer Verhandlungen und Aktionen.
Wir sind Teil einer größeren gesellschaftlichen Bewegung, die vernetzt ist mit vielen kleineren und anderen Bewegungen, die sich wie ein Muster auf die Kulturlandschaft legt – das ist eine starke Form sehr moderner gesellschaftlicher Beteiligung, die in die Zukunft weist.

Dass Ihr uns dabei unterstützt, dafür zollen wir Euch größten Dank und Respekt!
Um aktiver und schlagkräftiger zu werden, brauchen wir jedoch noch mehr Mitglieder, damit sich unsere Spielräume erweitern. Deshalb wollten wir Euch bitten, auszuströmen in Eure Ensembles und zu werben, dass unsere Arbeit nur dann erfolgreich weitergehen kann, wenn wir eine ausreichende Zahl von Mitgliedern haben. Derzeit sind es über 400: wir müssen versuchen diese Zahl in den kommenden fünf Jahren zu verdoppeln. Und wenn nur jeder von unseren Aktiven ein weiteres Mitglied wirbt, werden wir das auch schaffen.

An dieser Stelle möchte ich einen großen Dank an Lisa Jopt ausdrücken, die die Architektin dieser Konferenz, vor allem aber der Performing Arts Parade ist. Sie hat ein wunderbares Team zusammengestellt, dass die Kern-Arbeit geleistet hat, darunter vor allem Laura Kiehne, unsere kluge Vorstandsreferentin, Franziska Bald, unsere kreative Projektleiterin, und Johannes Lange, unseren weitsichtigen Schatzmeister. Alle anderen ehrenamtlichen Vorstände haben versucht das Projekt so gut es möglich war zu unterstützen. Ihnen allen gilt ein großer Dank. Ein besonderer Dank gilt auch Annica Happich und ihren Kolleg*innen vom Vorstand des Jungen ensemble-netzwerkes, die einen tollen Job machen. Wir wünschen uns sehr, dass die Arbeit dort weitergeht. Denn es ist wichtig, dass wir auch die Arbeit und Sorgen der jungen, noch Studierenden betreuen und ihnen beim Übergang in die Theater-Realität helfen.
Für die Konferenz und die Parade viele geniale Ideen, großartige Momente und schöne Begegnungen. Camus schrieb in seinem zweiten herausragenden Essay „Der Mensch in der Revolte“, dass wir angehalten sind, der Sinnlosigkeit unserer nackten Existenz zu entkommen, indem wir uns engagieren, einsetzen, etwas bewegen. Gemeinsam sind wir stark. Darin liegt unsere Kraft.

Herzliche Grüße und viel Erfolg!


Thomas Schmidt (Mitglied des Vorstandes)